Es gibt Orte, die verändern einen. Das Hospiz ist für mich so ein Ort.
Jedes Mal, wenn ich die Tür öffne, weiß ich, dass ich Menschen begegne, die sich auf ihrer letzten Reise befinden. Und jedes Mal wird mir bewusst, wie wertvoll es ist, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.
Heute durfte ich wieder genau das erleben.
In einem Zimmer sitzt ein 92-jähriger Mann. Mit ruhiger Stimme sagt er: „Ich hatte ein schönes Leben.“ Und jetzt setzt er sich mit dem Gedanken auseinander, dass seine Reise bald zu Ende geht. In diesem Satz liegt so viel gelebtes Leben, so viel Dankbarkeit und gleichzeitig die Herausforderung, loszulassen.
Ein anderes Zimmer erzählt eine ganz andere Geschichte. Verzweiflung liegt in der Luft. Gedanken kreisen, die kaum auszuhalten sind. Die Erkenntnis, dass man diesen Ort vielleicht nicht mehr verlassen wird, kann einen Menschen innerlich zerreißen.
Dann begegne ich einem 68-jährigen Mann. Er hat die Chemotherapie wegen seines Darmkrebses gut überstanden. Nach einem Sturz, bei dem er umgefallen ist, entstand eine Wunde am Bauch. Diese wurde mit einem Krankenhauskeim besiedelt und öffnete sich wieder. Nun gibt es keine Aussicht mehr auf Heilung.
Wir sitzen zusammen. Plötzlich laufen ihm Freudentränen über das Gesicht. Er weiß selbst nicht genau, warum.
Ich zünde ihm seinen Joint an. Nicht, weil ich das Rauchen unterstütze, sondern weil ich sehe, was es ihm in diesem Moment schenkt: Entspannung, Ruhe und die Möglichkeit, etwas Appetit zu bekommen und einfach einen Augenblick genießen zu können.
Wir schauen uns an.
Dann sagt er zu mir: „Du bist für diesen Job geboren.“
Ich lächle und erzähle ihm, dass ich diese Aufgabe ehrenamtlich mache.
In diesem Moment erfüllt sich mein Herz mit einer unbeschreiblichen Freude. Ich erzähle ihm auch, dass ich ehrenamtliche Rauchfrei-Lotsin bin. Wir schauen uns an und ich sage mit einem Lächeln: „Aber bei dir mache ich eine Ausnahme.“
Wir müssen beide lachen.
Es sind genau diese Momente, die zeigen, worum es am Lebensende geht. Nicht um Regeln, nicht um Perfektion. Sondern um Menschlichkeit. Um Verständnis. Um Nähe. Um einen Moment voller Würde und Lebensfreude.
Mit einem Herzen voller Dankbarkeit verlasse ich dieses Haus.
Ein Haus der Tränen.
Ein Haus der Freude.
Ein Haus der Verzweiflung.
Ein Haus voller Glücksgefühle.
Ein Haus der Geborgenheit.
Ein Ort, der mich immer wieder daran erinnert, wie wertvoll das Leben ist und wie wichtig es ist, füreinander da zu sein – genau dann, wenn es zählt.
Ich bin unendlich dankbar, ein kleiner Teil dieser besonderen Momente sein zu dürfen.
:sun-2:
:balloonsheart: